Narrenrechte

Suche nach Begriffen im Glossar (Reguläre Ausdrücke erlaubt)
Beginnt mit Enthält Genauer TrefferKlingt ähnlich wie ...
Alle A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Begriff Definition
Narrenrechte

Heischen, Rügen, Richten

Fastnacht als verkehrte Welt, der Narr als ungute Ausnahmegestalt, all dieses zeitigte bald besondere Möglichkeiten des Auftretens in der Gesellschaft, die allmählich zu Rechtspositionen geronnen sind. Jedenfalls insoweit, als es dem Rest der Welt schnurz ist, was der Narr sagt. Ein Fehler.

Nehmen wir zunächst das Heischerecht. Eigentlich ist das Betteln unfein, jedenfalls in jenen fernen Zeiten als es noch solch seltsame Wesen wie Bildungsbürger, Bourgeois und hanseatische Kaufleute gab war’s es, heute läuft das aber problemlos als „Sponsoring“. Der Narr darf’s halt. Also tut er’s. Und es hagelt nur so billige Bonbons, die Tonne à € 0,50, bekannt auch unter dem Pseudonym „Gutseli“, was eine wörtliche Übertragung des französischen Lutschstücks ins Alemannische ist oder ein Euphemismus. Auch quietschbunte, anilinfarbene Kamellen segeln aufs Haupt des heischenden Narren sowie durch die feuchte Februarluft veredelte Brezeln. Ein fröhlich Geben und Nehmen.

O Seligkeit am Straßenrand, alles ist umeinsunst! Der Narr krallt fix sich jeden Tand und meint, es wär `ne Gunst.

Nun jedoch kommen wir zum Rügerecht. Weniger fröhlich. Aber natürlich ein schlau institutionalisiertes Sozialventil zur Erleichterung gequälter Seelen. Schön, gellen Sie? Bietet es doch Gelegenheit, dem lieben Mitmenschen, den man das ganze Jahr über erdulden muss, einmal so richtig hinter der Maske die gefühlte Wahrheit ins Gefräß zu spucken. Und der kann nichts tun, gar nichts. Außer kurz und knackig zuzuschlagen. Aber das ist unfein, kommt das Rügen doch immer zartfühlend daher und geschliffen. Mit dem Florett eben, nicht mit der Keule, wir sind ja zivilisiert! Und die Aufklärung haben wir auch schon hinter uns. Das Rügerecht ist schuld daran, dass der schwäbisch-alemannische Narr vollverkleidet daher schreitet oder juckt oder springt. Theoretisch jedenfalls, auf dass man ihn nicht erkenne, auch nicht an seinen feinen, florettführenden Abtrittdeckelpratzen. Handschuhe und nix Maskenlupfen. Un guèt wär s, wenn de Alemannisch könntsch oder Schwöbisch. Denn es macht sich nicht gut, solltest du als Angehöriger einer völkischen Minderheit dein Rügerecht auf Kisuahelisch von dir geben, es verstieße gegen die Vollverkleidung, und das geht aber auch gar nicht nach dem Fastnachtsreglement. Aber!

Die Dinge wachsen sich gern aus, so auch das Rügerecht. Die liebe Gesellschaft sieht es nicht gern, wenn irgendwelche Eigenbrötler aus der Reihe tanzen, das macht unruhig. Und es ist gar nicht wie’s der Brauch ist! Jo wägerli. So erfand die Mehrheit zur Disziplinierung der Minderheit unter anderem so schöne Dinge wie Pflugziehen, Haberfeldtreiben, Femegerichte, Ruggerichte und, wie könnte es anders sein, Narrengerichte. Narren tun sowas. Im Schwäbischen und Alemannischen kennen wir mannigfaltige davon, bieten wir einmal eine Auswahl: Grosselfingen, Möhringen oder Stockach. Das Florett pfitzt durch die Gegend, feiner geht’s nicht. Und das Fernsehen flitzt über die Bühne, freischwebend und leicht fertig. Am Ende lacht der Narr ins Vierteleglas, das den Vorteil hat, oben offen zu sein und somit unendlich einsetzbar. Und da sagen manche, das Perpetuum Mobile sei eine Unmöglichkeit. Von wegen. Gottseidank, denn unzählige österreichische Hektoliter besten Weines wollen geschluckt sein, bevor sie abstehen. Heischerecht meets also Rügerecht, auf schlecht Englisch, sorry - „in“, der meistgesprochenen Sprache auf dem Globus. Hier flutscht die Globalisierung, dass es eine wahre Pracht ist.

Wir aber lehnen uns jetzt gern altbachè, wegen mir auch ôbachè, zurück. Von der Abhandlung des Heische- und mehr noch des Rügerechts erheitert schauen wir ins oben tatsächlich offene Vierteleglas. S isch öbbis dinn, aber nümmi lang. Jubel, Trubel, Heiterkeit allerseits und Narri Narro!